„Gsindl“, „Tiere“ und „Pöbel“

So beschimpft die ÖVP heute ArbeitnehmerInnen. Erinnerungen an die Februarkämpfe 1934.

Die ÖVP-Spitzenpolitikerin Johanna Mikl-Leitner hat in einem ihrer Chats den Ausdruck „rotes Gsindl“ verwendet. Der enge Vertraute von Sebastian Kurz und ehemalige Generalsekretär im Finanzministerium, Thomas Schmid (ÖVP), beschimpft ArbeitnehmerInnen als „Tiere“ und „Pöbel“. Die Liste an derartigen Beispielen aus der ÖVP ist lang. Mittlerweile sehr lang. „Das sind also keinen einmaligen Ausrutscher, sondern das hat System“, sagt FSG-Bundesgeschäftsführer Willi Mernyi.

Wen genau meint die ÖVP mit dem Ausdruck „Gsindl“?

„Als ,Gsindl‘ bezeichnet die ÖVP diejenigen Menschen, die den Reichen und Millionären ihre Villen bauen, sie im Krankenhaus versorgen, ihre Autos reparieren, ihre Penthäuser putzen und sie im Supermarkt bedienen“, bringt es Mernyi verkürzt auf den Punkt. Jene, die für das Klientel der ÖVP arbeiten. Viele von ihnen werden seit dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie als „SystemerhalterInnen“ bezeichnet: ArbeitnehmerInnen, die das Land am Laufen halten. Und ausgerechnet sie werden von der ÖVP als „Gsindl“ beschimpft – als wertlos, als rechtelos und ohne Stimme dargestellt. Wer noch dazu die Frechheit besitzt, sich für diese Menschen einzusetzen, wird kurzerhand von der ÖVP als „rotes Gsindl“ verteufelt.

„Als ,rotes Gesindl‘ bezeichnet die ÖVP wiederum diejenigen Menschen, die sich tagtäglich für die Interessen der ArbeitnehmerInnen einsetzen. Also uns sozialdemokratischen GewerkschafterInnen. Da spricht der blanke Hass, da spricht die Verachtung“, warnt Mernyi. Und das habe bei der ÖVP System. „Wohin diese Sprache führen kann, haben wir 1934 gesehen“, ruft Mernyi in Erinnerung. Damals wurde auch vom „roten Gsindl“ gesprochen und dann wurde scharf geschossen.

Erinnerungen an die Februarkämpfe 1934

Am 12. Februar 1934 begannen die sogenannten „Februarkämpfe“. Nur ein paar Tage später war klar: Der Kampf der ArbeiterInnen um Demokratie und Freiheit war verloren. Hunderte ArbeiterInnen wurden dabei getötet. Nach der blutigen Niederschlagung leisteten GewerkschafterInnen aber weiterhin Widerstand gegen den Faschismus. „Und auch heute noch stehen GewerkschafterInnen Seite an Seite mit allen, die sich nicht selbst wehren können“, sagt Mernyi. Und das ist gut so, denn die Geringschätzung der ArbeitnehmerInnen hat in Wahrheit niemals aufgehört. Das zeigt ein beispielhafter Blick in die Zeitungsarchive.

  • Der Tag, 10.10.1936, S. 9, berichtet über die Worte eines Gendarmarieinspektors zu HausbewohnerInnen: „Saubagasch! Rotes Gesindel! Ich hau euch alle zu Krenfleisch“.
  • Der Kampf, Nr. 3, 1936, S. 98 schreibt über den Umgang mit Gefangenen in deutschen Konzentrationslagern: Die Gefangenen werden von schimpfenden und schreienden Landsknechten umkreist: „Rotes Gesindel“, „Hunde“, „Verbrecher“, „Hurenpack“, „Bonzen“ – so geht es in endlosen Gebell. Dazwischen Drohungen: „Wartet, wir werden es euch schon zeigen!“ „Lebendig kommt ihr da nicht mehr heraus!“
  • Wiener Zeitung, 9.3.1922, S. 8, schreibt über die Grenzziehung zwischen Burgenland und Ungarn und den Aufruf der Ungarn an die Gendarmen: „Rettet euch, kehret zu euren Familien zurück! Legt die Waffen vor uns nieder, sonst gibt es keine Gnade für euch. Jüdische Söldner! Ihr, von den Juden ausgehaltenes, in Uniform gestecktes rotes Gesindel, die ihr gekommen seid, um unser Land auszurauben und dabei jüdischen Taglohn einzustecken, seid euch dessen bewusst, dass die Zeit rasend naht für gnadenlose Rache.“
  • Salzburger Wacht, 23.10.1929, S. 6: Heimwehr beschimpfte den Schutzbund in Deutsch-Wagram als „Pfui, rotes Gesindel!, Pfui, Schutzbund!“.
  • Arbeiterwille, 1.10.1929, S. 12, berichtet über zwei Arbeiter, die von der Heimwehr als „rote Hunde, rote Schweine, rotes Gesindel“ in Graz beschimpft werden.
  • Die Unzufriedene, 8.3.1930, S. 2: Hausgehilfinnen werden entlassen, weil sie die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen verlangen. Als Draufgabe wird ihnen erklärt, dass sie ein „rotes Gesindel“ sind, denn nur die verlangen die Einhaltung des Gesetzes (Hausgehilfengesetz).
  • Der Abend, 25.10.1932, S. 1: Nationalsozialisten überfallen mit Hundspeitschen Besucher des Ottakringer Friedhofs und bedrohten und beschimpften sie mit „rotes Gesindel“.
  • OÖ Nachrichten, 11.2.2014, veröffentlichen einen Beitrag mit dem Zeitzeugen und Altbürgermeister von Steyr, Franz Weiss, über die Februarkämpfe und einen Hauptmann der Heimwehr: „Ihr rotes Gesindel, schauts, dass ihr hinauskommt“.
  • Der Standard, 7.2.2022, veröffentlicht Chatprotokolle aus dem Jahr 2016, wonach die damalige ÖVP-Innenministerin Johanna Mikl-Leiner ihren Unmut über die SPÖ per SMS an ihren damaligen Kabinettschef Michael Kloibmüller äußerte: „Rote bleiben Gsindl! Schönen Schitag!“

Egal wie sie uns beschimpfen, wir sozialdemokratischen GewerkschafterInnen sind stolz darauf, was wir machen, wie wir sind und was uns auszeichnet, nämlich Solidarität und Zusammenhalt“, sagt Mernyi. Die ÖVP stehe auf der Seite der Reichen, der Konzerne und der Lobbyisten. „Wir stehen auf der Seite der vielen. Und darauf sind wir stolz!“

Hier gibt es das Video zum Artikel mit FSG-Bundesgeschäftsführer Willi Mernyi.

Übrigens wer zeigen will, dass er oder sie stolz drauf ist, ein „rotes Gsindl“ zu sein, findet hier im „Gsindlshop“ der SPÖ Niederösterreich fünf T-Shirts mit unterschiedlichen Motiven zur Auswahl.

Zum Weiterlesen: Gewerkschaftsgeschichte – Der blutige Februar und seine Folgen